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Um gegen Regeln verstoßen zu können, musst du die Regeln kennen.

Warum dein Ding eben nur dein Ding sein kann...

»Ich mach mein Ding«, trällert Udo Lindenberg und man nimmt es ihm auf Anhieb ab. Denn er machte sein Ding und eben dieses führte ihn zum Erfolg. Eine Legende passend zu einer Legende. Aber ist es immer so vorherbestimmt, dass das eigene Dinge wirklich zum Erfolg führt? 

 

The Common Sense

Wenn wir uns im Kreise von Fotografen bewegen, gerade als Anfänger, wird es nicht lange dauern, bis man als Kritik auf die eigenen veröffentlichten Werke, mehr oder weniger sanft auf sogenannte Gestaltungsgesetze hingewiesen wird. Sätze wie »Dein Foto ist schlecht geschnitten. Viel zu hoch!« oder »Denk mal an den Goldenen Schnitt!« fallen dann aus allen Ecken. Nun, gegen diese Vorwürfe kann man sich im Udo-Style wehren und sagen: Mir egal, ich mach mein Ding. Kann man machen, da spricht überhaupt gar nichts dagegen. Aber, und das muss man einfach den Gestaltgesetzen einfach lassen: sie funktionieren und das nicht ohne Grund. 

 

Und sie funktionieren aus dem Grunde, weil sie eben dem Common Sense entsprechen. Einem gemeinschaftlichem Gefühl für Ästhetik, das jedem Menschen (fast) gleich inne ist. Ganz egal, ob er jemals etwas darüber gelesen hat oder nicht. Heißt im Klartext also nicht anderes als: Ein Bild, das dir gefällt, und diesen Regeln des Common Sense entsprechen, habe eine gute Chance, auch bei vielen anderen Menschen als ästhetisch ansprechend wahrgenommen zu werden. Anders herum: Verstößt du (unwissentlich) gegen diese Regeln, kann es sein, dass der Kreis der Bewunderer für dieses Bild klein bleibt. 

 

Kleiner Einschub: Die Einhaltung der Regeln ist aber auch kein Garant dafür, dass ein Bild durch die Decke geht und alle jubeln. Es gehören noch mehr Parameter dazu. Nicht zuletzt die technische Perfektion in Belichtung, Schärfe, Farbgestaltung und Motiv. Schon seit Menschengedenken sind Wissenschaftler und Künstler auf der Suche nach der Formel, mit der man zu 100% den Nerv aller Menschen trifft, was Ästhetik angeht. Vergeblich. Ist wohl ein Unterfangen wie die Suche nach der Weltformel. Aber, und das hat die Suche bisher ergeben, es gibt grundlegende Wahrnehmungsmuster, die allen Menschen mitgegeben sind, auf Grund dessen, etwas als schön, harmonisch, positiv empfunden wird. Oder eben auch nicht. 

 

 

 

Kennen, bewerten, einsetzen

Ich hatte vor kurzem hier im Blog einen Beitrag geschrieben, der davon handelte, dass man meines Erachtens, die technischen Grundlagen der Fotografie (Hauptsächlich Blende, Verschlusszeit und Lichtempfindlichkeit) beherrschen sollte. Nun stellt euch vor, jemand der nur unscharf fotografiert und unterbelichtet sagt, er mache sein Ding. Akzeptabel? So wenig wie ein Klempner der einen Wasserhahn tropfen lässt und sagt, es sei seine Art zu klempnern. 

 

Aber man kann Unschärfe bewusst einsetzen. Bewegungsunschärfe, Tiefen(un)schärfe.... etc. Aber dafür muss man wissen, was Schärfe ist, wie sie hergestellt oder eben beabsichtigt nicht hergestellt wird. 

 

Und das gilt auch für die Gestaltgesetze. Kenne sie, lerne sie und setze sie dann gezielt ein - oder eben nicht. Ein „kenn ich nicht, will ich nicht, brauch ich nicht, nehm ich nicht“ wäre hier zu kurz gedacht. 

 

Bildführung durch Komposition 

Wenn ein Auge ein Bild betrachtet, dann wird nicht das ganze Bild auf einmal vom Gehirn wahrgenommen. Dazu ist das menschliche Auge nicht in der Lage. Es ist trainiert, und das über Millionen von Jahren, selektiv einen Punkt zu suchen und von diesem Punkt aus über das Bild zu wandern. Es folgt z.B. Linien. Und dieses bewusste Einsetzen nennt man Bildführung. Das absichtliche Herstellen solcher Wege, die das Auge gehen soll. 

 

Dazu gehört, dass das Auge von hellen Punkten angezogen wird, starke Kontraste das Interesse wecken und Gesichter sowie Buchstaben die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So lässt sich auch Dynamik erzielen, auch auf statischen Fotografien. 

 

Wenn solche Attraktionspunkte mit Linien kombiniert werden, denen das Auge folgt. 

 

 

 


Diagonale

Eine Linie, die in einer Ecke beginnt und in der gegenüberliegenden Ecke endet, ist ein Diagonale. Das weiß jeder. Und solche Linien lassen sich in Bildern einsetzen. Sie führen das Auge und je nach dem in welche Richtung sie verlaufen, also aufsteigend oder absteigend, sind sie anregender oder harmonischer in ihrer Wirkung. 

 

Von links unten nach rechts oben - also aufsteigend - wirkt eine Diagonale anregender, hält das Auge länge am und im Bild. 

 

Von rechts unten nach links oben - also absteigend - erzeugt eine Diagonale weniger Aufregung und führt das Auge schnell aus dem Bild heraus. 

 

Ihr könnt das einach mal probieren: Kontert ein Bild und schaut - oder eher fühlt - mal wie es auf euch wirkt. 

 

 


Horizont

Einfache Regel: Horizonte in der Mitte wirken langweilig, hat wenig Spannung, führt nicht zu stürzenden Linien. Stürzende Linien? Erinnert ihr euch an den Kunstunterricht? Da ging es um den Fluchtpunkt. Ein wichtiger gestalterischer Effekt. Wird der Verlauf  der parallelen Linien vervollständigt, so treffen sie sich in einem (oder mehreren) Punkten und bilden so einen (imaginären) Horizont. 

Wird also der natürliche Horizont verdeckt, so ist das Auge darauf trainiert, sich dennoch einen Horizont zu suchen und nutzt dazu die Fluchtpunkte. 

 

Ist diese verschoben, nicht mittig, ergibt sich eine größere Spannung.


Symmetrie

Kennen wir aus der Geometrie. Und seit Menschengedenken wird etwas symmetrisches, also gespiegeltes, wiederkehrendes als ästhetische wahrgenommen. In der Wahrnehmung nimmt es da das Gehirn und Auge nicht so streng und nimmt auch annähernde Symmetrie als schön auf. 

 

Also kann man mit Symmetrie spielen. Man kann sie herstellen, horizontal wie vertikal. Sie räumt ein Bild auf und birgt die Gefahr, dass es dadurch langweilig wirkt. Aber, sie gibt auch Formen und Farben eine neue Relevanz, da ja beide Seiten einer Symmetrie normale ebenbürdig sind.

 

Leichte Störungen dieser Gleichheit, bauen eine Spannung auch.


Dreieck

„Du musst sie in's Dreieck nehmen!“, sagte damals mein Ausbilder bei der Tageszeitung und gab mir einen wertvollen Tipp, besonders wenn es darum geht, Menschen in Gruppen abzubilden. 

 

Der Trick ist ganz einfach: Oft wird der Fehler begangen einfach Menschen aufzureihen. Aber wenn man sie der Größe  nach so sortiert, dass eine gedachte Linie von Nase zu Nase ein Dreieck ergibt, wird das Bild einfach spannender. Aber Achtung: Das Dreieck muss mit der Spitze nach oben zeigen. 

 

 

 


Goldener Schnitt

2/3 Regel

Oft gehört: Der goldene Schnitt. Darüber wurde viel geschrieben, berechnet und fachgesimpelt. Ich machs kurz: Auch hier basiert eine mathematische Ableitung auf dem was allgemein als Schön empfunden wurde. 

 

Die Formel für den Goldenen Schnitt: A : B = (A + B) : A 

 

Oder: Eine Strecke wird so aufgeteilt, dass sich das Verhältnis zur größeren Teilstrecke wie die größere Teilstrecke zum Ganzen verhält. 

 

Da diese Formel etwas sperrig ist, kann man sich durchaus einer einfacheren Daumenregel bedienen. Die sog. 2/3-Regel. Nicht zu verwechseln mit dem Goldenen Schnitt! Das wäre fatal, aber ihre Wirkung ist ähnlich gut. 

 

2/3 wird in vielen Kameras schon bei einem Blick durch den Sucher angeboten. Das Bild wird in 3 Felder horizontal und 3 Felder vertikal eingeteilt und das Augenmerk liegt auf den Schnittpunkten. Denn genau dort sollte das sein, was man mit dem Bild zeigen möchte. 

 

 


Blickrichtung

Wichtig ist auch die Blickrichtung der abgebildeten Person. Blickt sie nach rechts, aus dem Bild heraus, ergibt sich eine andere Bildaussage, als richte sie ihren Blick nach links, in das Bild hinein. Ähnlich wie bei der oben beschriebenen Diagonale kann hier der Blick des Betrachters quasi in das Bild gefangen werden. 


... wird fortgesetzt

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