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Hauptsache Haut?

Gereizt!

Kaum eine Minute in den einschlägigen Medien unterwegs und schon rauscht das erste Nacktbild über den Bildschirm. Ganz egal, ob Instagram, TikTok, 500px oder welche Fotoplattform bemüht wird: Es scheint, als würde die gesamte Fotografie nur noch aus nackten Tatsachen bestehen. Verzerrte Wahrnehmung oder ist es tatsächlich so? Auf den Spuren einer Entwicklung.

 

„Überall nur noch nackte Haut!“, schrieb mir eine liebe Followerin aus der Community, als ich das nebenstehende Foto aus der Reihe "Paperpack/Newspaper" veröffentlichte. Diese Nachricht hatte ein wenig den Unterton von: „Nicht du jetzt auch noch!“. Vielleicht habe ich diesen Unterton nur vernommen, weil wir uns unlängst davor eben über das Thema Nackte Haut und Fotografie unterhalten hatten. Damals gab ich ihr recht und bestätigte sie in ihrer Wahrnehmung, dass gerade im Umfeld der Fotografie - und nehmen wir hier besonders die Bereiche Amateur-, Hobby- und Semiprofessionelle-Fotografie - es in den letzten zwei Jahren eine vehemente Zunahme an nackter Haut in den Fotografien gibt. 

 

Es hat nichts mit Prüderie zu tun, wenn ich hier Nacktheit thematisiere. Ganz im Gegenteil. Ich will eher einem Phänomen auf den Grund gehen, welches wohl tatsächlich vorhanden ist. 

 

In den vergangenen zwei bis zweieinhalb Jahre - die Jahre der Pandemie - hat sich etwas in der Foto-Community ergeben, das spürbar ist: Ein Wandel. Es änderten sich mit den Protagonisten die Werte. Das ist eindeutig so. Alte Haudegen (und auch Haudeginnen) sind von der Bildfläche verloren, haben in der pandemischen Zeit gelernt, dass es wichtigeres gibt als Instagram und Co und wiederum andere haben ihre Frequenz der Veröffentlichungen deutlich reduziert. „Sich konzentrieren - auf das Wesentliche reduzieren“ nennen sie es. Auch im Bereich der Modelle scheint es einen Wechsel gegeben haben und hier meine ich gerade den Bereich der TfP-Models. Viele, die in der Zeit des Lock-Downs ihrem Hobby Lebwohl-gesagt haben, neue Lebensmittelpunkte fanden und so einer neuen Generation der Social Media Models den Platz überlässt. 

 

Und zu diesem Wechsel - den ich fast schon Generationenwechsel nennen möchte - hat sich noch etwas sehr wichtiges hinzugesellt: Patreon, Onlyfans, MYM, ... . Plattformen, die für schnelles Geld werben mit dem Verkauf von Fotografien. Für beide wohl interessant wohl, denn auch immer mehr Fotografen und Fotografinnen gehen den Weg hin zum Bezahlcontent.

 

Sobald wir heute ein Argument anbringen, das die soziologische Auswirkung der digitalen Medien thematisiert, wird einem die Bubble entgegengehalten: „Das ist nur in deiner Blase so, dein Verhalten und deine Vorlieben, lassen dich die Welt so sehen - du bist selbst schuld!“ Nett, aber leider falsch - in großen Teilen zumindest. Es ist wohl richtig,  dass  die soziale Netzwerke, Suchmaschinen oder Websites ihren Nutzern Vorschläge  machen, die sich am individuell gespeicherten Verhalten orientieren – sofern diese Speicherung der Vorlieben zugelassen wurde.

 

Aber: Nicht jeder Anbieter tut dies und zum anderen führt dies nicht notwendigerweise zu einer Informationsisolation. Und schließlich ist die Erkenntnis, dass wir uns mit Vorliebe in homogenen Gruppen bewegen, alles andere als neu. Denn sogenannte Filterblasen gab es auch früher schon, lange vor dem Internet. 

 

Und wird diese Wahrnehmung eines Trends von verschiedenen Personen an unterschiedlichen Stellen mit unterschiedlichen Nutzerverhalten beobachtet, ist eine Filterblase ausgeschlossen. 

 

Zurück zu Nackt: Gut, nackt ist nicht schlimm. Aber es ist auffällig, wie die oben genannten Punkte wohl zu einer Inflation von nackter Haut auf Teufel-komm-raus führt. Der nackte menschliche Körper - da sind wir uns sicherlich einig - gehört zur Bildenden Kunst spätestens seit der Antike. Mal der männliche idealisierte Körper, dann der weibliche Körper in all seiner Anmut. 

„Seit der Entdeckung der Gebärden des menschlichen Körpers - im Anschluss an die antiken Vorbilder - in der italienischen Renaissance südlich der Alpen und bei Dürer und Baldung Grien nördlich der Alpen sind solche nicht mehr verzichtbar für Künstler, die den Menschen und seine Existenz deuten wollen.“ [Dietrich Schubert, Georg Eisler : Rückschau auf einen Außenseiter, 2009] 

 

Wer sich mit Kunst auseinandersetzt, wird schnell Kontakt mit der Darstellung von nackter Haut kommen. (Fast) ganz egal in welcher Epoche. Akt als Sujet mit seinen vielen Unterkategorien und Varianten sind Themen an Kunstakademien und -hochschulen. Eine Spielart der Kunst, die über Jahre hinweg gelehrt wird. Und ja, im Laufe der Jahrhunderte hat die Kunst viele Stilrichtungen und Motive entwickelt. Burlesque, Boudoire, Art Decors, Millieustudio, idealer Akt.... 

 

Egal, welche Epoche als Beispiel genannt wird: Der künstlerische Aspekt spielt eine gewichtige Rolle. Nicht das Nacktsein selbst. Und genau das ist der Punkt auf den ich eigentlich abziele: 

Wer die Öl- oder Aquarellmalerei für sich entdeckt, seine ersten Schritte geht, der wird sich um die Technik seines Könnens bemühen, wird versuchen das ihm gegebene Talent damit zu verbinden. Aber wird er sich gleich nach Kauf von Pinsel und Farben an einen Akt-Workshop anmelden? 


Und genau darum geht es: Die Schwelle ist gesunken. Ein Kamera ist schnell gekauft, die Bedienung ebenso schnell gelernt, der Worskhop mit den ersten nackten Modellen ist gleich um die Ecke und fertig. Eine Inflation der Produktionsmittel auf allen Seiten. Dabei geht es nicht mehr um die Kunst, des Dargestellten - sondern um das bloße Ablichten nackter Haut der Provokation und der Zurschaustellung (Kommerz könnte man auch sagen).

Kunst, das gebe ich zu, ist nicht für jeden zugänglich. Schwer sogar für manchen den Unterschied zwischen einer Fotografie eines Peter Coulson, Helmut Newton oder Vincent Peters zu finden, den Grad von Erotik zu bloßer sexualisierenden Darstellung zu sehen oder gar zu empfinden. 

Es bleibt zu konstatieren, dass wer heut ein den schnellen Medien Aufmerksamkeit haben will, wohl provozieren muss. Zu fein sind die wahren Nuancen der schönen Künste, zu laut das Brüllen um Aufmerksamkeit der billigen Plagiate.

 

Aber, genau das darf nicht der Tot für diese schöne Kunst sein. Und daher: Wenn nackte Haut, ein Akt in die Bildgeschichte passt, die von Model und Fotograf/in erzählte Geschichte untermauert, dann werde ich dieses Sujet wählen. Ungeachtet möglicher Reichweiten oder Provokationen. 


Fazit: Für mich hat Nacktheit, Erotik und Akt eine ganz spezielle Rolle in meinen Fotografien. Sie sind Teil der Bildgeschickte, sie symbolisieren, sie zeigen, sie führen durch das Foto. 

In der Serie "Newspaper/Paperback" wird mit der Verletzlichkeit gespielt, der Wehrlosigkeit ob der Nachrichten, mit dem Spiel des Wortes "Cover" als Bedeckung, als Schutz, das in seiner Doppeldeutung auch in den Medien benutzt wird. Ja und dauch das Spiel mit dem Blick, denn keiner konzentriert sich ob des schönen Körpers auf die Nachrichten sondern lässt sich ablenken. 

 

 

 


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