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Masse statt Klasse?

Früher war alles besser und aus Holz

Früher waren Bilder etwas, das sich nur die Reichen leisten konnten. Noch heute zeugen davon die Wände und Decken großer Schlösser, Burgen und Herrenhäuser. Maler wurden engagiert, die Realität oder das, was die Hausherren und -damen dafür hielten, für die Ewigkeit festzuhalten. Mit der Fotografie verlor der Maler und seine Gemälde an Stellenwert, mit der Videografie ging es dem Fotografen an den Kragen (siehe "Video killed the Radio-Star", The Buggles)

 

Damals, als das Lied die Charts und MTV die Kinderzimmer bestimmte, waren Fotografien noch eine Angelegenheit für wenige Enthusiasten, die außerberuflich einer Passion nachgingen. Letztlich war Filmmaterial teuer und die Bilder, die man darauf festhalten konnte beschränkt. 20, 24 und 36 Bilder, so die gängigen Größen. 

 

Der Digitalisierung sei Dank haben wir diese elitäre Zeit hinter uns und die Demokratisierung der Fotografie hat begonnen - könnte man sagen, denn die Kosten für ein Bild sind so rapide gesunken, dass es zu einem Jedermannswerk geworden ist. Kein Smartphone ohne Kamara, kein Mensch ohne Smartphone, kein Urlaub ohne Fotos, kein Mensch ohne Urlaub, keine Gelegenheit ohne Foto, kein Mensch mehr ohne Gelegenheiten. 

 

So füllt sich das digitale Bildarchiv der Menscheit in den vergangenen Jahre rapide an und es wird wohl nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man sagt: Noch nie war das Leben der Menschen bildhaft so gut dokumentiert wie das 21. Jahrhundert. 

 

Ist ist die schiere Masse, die da über das Auge des Betrachters hereinbricht. 

 

 

Inflation der Ästhetik

Wenn der Markt gesättigt ist, wenn es ein Überangebot gibt, fällt der Wert der Ware. Und so scheint es auch im Falle der Fotografie zu sein. Die Medien sind voll mit bunten, krachenden Abbildungen, die uns rund um die Uhr reizen und um Aufmerksamkeit buhlen. Bewegt oder unbewegt, an allen Orten. 

 

Inflationär - und genau das macht es schwer die Klasse von der Masse zu unterscheiden. Mehr noch, es macht die Masse zur Klasse und deplatziert dabei das, was man bisher als Qualitätsmerkmale erlernte hat. 

 

Instagram ist ein wunderbares Beispiel. Die Währung, so sagt man, seien dort Follower und Likes. Also das Zusammenspiel von Personen, die sich für die jeweiligen Veröffentlichungen interessieren und dafür mit kleinen Herzchen zeigen, dass sie jede einzelne dieser auch gut finden. 

 

Betrachtet man, wer für was ausgezeichnet wird, fragt man sich (manchmal): Wieso?

 

instagram zeigt deutlich wie das Betrachten von Bildern zur Peepshow verkommen ist. Sekunden, sorry, ich übertreibe, Bruchteile von Sekunden reichen aus, um ein "Like" zu geben oder nicht. Diese geschieht aber nicht auf Grund von fotografischen Grundregeln, Axiome der Ästhetik oder was auch immer, sondern reflexartig auf Grund von Bekanntheit des Posters und - sorry - oder das was da zu sehen ist nackt ist oder nicht (→ bezieht sich vornehmlich auf die Peoplefotografie).

 

Das nächte ist, dass sich bei Instagram das "Fliegen-Axiom" durchgesetzt hat. Dort wo schon die meisten Fliegen sitzen, lass dich nieder, das kann so falsch nicht sein. Oder noch deutlicher: Auf den größten Haufen zu schei..en ist allemal besser als ein neues Häufchen anzufangen. 

 

Gepaart mit gekauften Followern, Likes und gegenseitigem Empfehlen und Featuren wird ein technischer Algorithmus so gebogen, dass man die höchsten Preise am Markt erzielt. Blöd nur, dass diese Inflation entwertet statt bewertet. 

 

 

Alles gut, man muss es halt nur wissen.

Bevor mich jemand falsch versteht: Ich gönne jedem was er hat. Kein Problem. Beruflich setze ich mich alltäglich mit Medien und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft auseinander. Es ist erschreckend, wie wenig Medienkompetenz unsere Gesellschaft besitzt - man blicke nur auf Fakenews und Verschwörungstheorien. 

 

Es ist nicht wichtig, wie viele Follower man in einem Netzwerk hat - denn es ist kein Netzwerk. Es ist die bloße Ausstaffierung oder Aufblusterung. Es ist wie im Monopoli: Ärgert euch nicht über den, der im Spiel mehr Geld hat als ihr - nach dem Spiel ist er so arm wie vorher. Monopoliegeld ist nichts wert. So ist es mit likes und followern. Leere Hülsen außerhalb des Spiels. 

 

Auch das Ansammeln von Millionen Followern für die Karriere eines Influenzers: Vorbei, es war, die die es geschafft haben können sich sonnen. So lange sie jung sind, in der Hoffnung fürs Alter was beiseite gelegt zu haben. 

 

Es gibt meisterhafte Fotografen, mit tausenden Abonnenten und likes. Es gibt die gleichen mit wenigen. Es gibt "Knipser" die wenig können mit Millionen Followern, und welche mit wenigen. 

 

Es bleibt: Likes, Follower - oder was da noch kommen wird, sind kein Merkmal für die Qualität eines Bildes, die Sympathie oder das Können des Fotografen/Models.

 

Machen wir uns also nicht von Pseudowährungen ohne Gegenwert abhängig sondern konzentrieren wir uns wieder auf das Beständige, den Wert des Bildes.

 

 

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